Freitag, 29. April 2011

Patriarchat

Mancheiner hat mit dem Begriff "Patriarchat" seine liebe Not. Warum spricht man von "Väterherrschaft" (= Patriarchat), wenn zu allen Zeiten von Vätern nur Gewalt und Unterdrückung gegen Frauen und Kinder ausgeht? Begriffe haben doch nur einen Sinn, wenn es etwas gibt, worauf der Begriff nicht zutrifft, und etwas gibt, worauf der Begriff zutrifft, man also mit Hilfe dieses Begriffes etwas unterscheiden kann. Könnte man aber mit diesem Begriff des "Patriarchats" nicht die Väterherrschaft der zurückliegenden Menschheitsgeschichte von einer erträumten besseren Welt unterscheiden, in der Väter ihre Frauen und Kinder nicht mehr schinden? Nein, sagen Feministen! Männer sind Schweine! Ausnahmen gibt es - leider - keine. (Rockband "Die Ärzte"), und wird es bis in alle Ewigkeit auch in Zukunft nicht geben. So gesehen hat der Begriff des "Patriarchats" für Feministen tatsächlich keinen Sinn.

Um die Klarheit der anderen zu fördern, möchte ich Friedrich Engels' bekannte Schrift "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" der Aufmerksamkeit des Lesers empfehlen. Diese Schrift wird gewöhnlich von Sozis herangezogen, wenn es um die Gleichberechtigung von Frau und Mann geht. Sie ist im Gegensatz zu vielen feministischen Schriften in klarem Deutsch verfaßt, nicht allzu umfangreich, in sich logisch konsistent und daher leicht verständlich. Also keine Angst vor der Lektüre! Sie beantwortet die Frage, wie das Patriarchat entstand und wohin es sich entwickelt.

Vor langer Zeit, da gab es noch kein Patriarchat. Da lebten die Menschen in Gentilgesellschaften. Die Frau besaß eine geachtete Stellung. Es gab keine öffentliche Gewalt, die sich gegen das Volk richten konnte. Dafür war aber das Volk bewaffnet. Eigentum gab es nicht. Ehen gab es in sehr frühen Gesellschaften auch nicht. Dafür herrschte freie Liebe, die allerdings durch das Inzestverbot beschränkt wurde. Alle Angelegenheiten wurden demokratisch geregelt. Zugleich war der Kommunismus verwirklicht, d.h. alle Volksmitglieder besaßen die gleichen Rechte und Pflichten.

Männer gingen jagen und fischen, die Frauen kümmerten sich um das Lager. Doch eines Tages kamen die Männer auf die Idee, nicht jedes Tier, das sie gefangen hatten, zu töten, um es aufzuessen, sondern es in Gefangenschaft zu halten. Die Viehwirtschaft entstand. Die war viel effizienter als die Jagd. Irgendwann entstand individuelles Eigentum. Wegen der hohen Effizienz entstand ein sogenanntes Mehrprodukt, das Sklaven ernähren konnte. Die wurden von den Viehbesitzern wegen der vielen anfallenden Arbeit auch gebraucht.

Viehbesitz war Ausdruck des Reichtums, abstraktem Reichtums. Gegen Vieh konnte man alles eintauschen, was man haben möchte. Vieh war das erste Tauschmittel. Und dieser Reichtum lag in den Händen von Männern.

Das einzige Problem, das die Herren hatten, war, daß ihr Vermögen nach ihrem Ableben der Gentilgesellschaft zufiel. Die eigenen Söhne waren enterbt. Zu ihrem Glück wurde die mütterliche Erblinie durch die väterliche ersetzt. Das Patriarchat entstand. Frauen waren nun versklavt, und hatten die Aufgabe, Söhne zu gebären, die in das väterliche Erbe eintreten konnten. Nebenbei entstand dabei die Spaltung in eine öffentliche und eine private Sphäre. Die Ehemänner zwangen die Frauen zu unbedingter ehelicher Treue, damit der Mann sicher sein konnte, daß die Kinder seiner Ehefrau auch die seinen sind.

Die Zusammenfassung übernehme ich von Friedrich Engels:

Mit den Herden nun und den übrigen neuen Reichtümern kam eine Revolution über die Familie. Der Erwerb war immer Sache des Mannes gewesen, die Mittel zum Erwerb von ihm produziert und sein Eigentum. Die Herden waren die neuen Erwerbsmittel, ihre anfängliche Zähmung und spätere Wartung sein Werk. Ihm gehörte daher das Vieh, ihm die gegen Vieh eingetauschten Waren und Sklaven. All der Überschuß, den der Erwerb jetzt lieferte, fiel dem Manne zu; die Frau genoß mit davon, aber sie hatte kein Teil am Eigentum. Der "wilde" Krieger und Jäger war im Hause zufrieden gewesen mit der zweiten Stelle, nach der Frau; der "sanftere" Hirt, auf seinen Reichtum pochend, drängte sich vor an die erste Stelle und die Frau zurück an die zweite. Und sie konnte sich nicht beklagen. Die Arbeitsteilung in der Familie hatte die Eigentumsverteilung zwischen Mann und Frau geregelt; sie war dieselbe geblieben; und doch stellte sie jetzt das bisherige häusliche Verhältnis auf den Kopf, lediglich weil die Arbeitsteilung außerhalb der Familie eine andre geworden war. Dieselbe Ursache, die der Frau ihre frühere Herrschaft im Hause gesichert: ihre Beschränkung auf die Hausarbeit, dieselbe Ursache sicherte jetzt die Herrschaft des Mannes im Hause: die Hausarbeit der Frau verschwand jetzt neben der Erwerbsarbeit des Mannes; diese war alles, jene eine unbedeutende Beigabe. Hier zeigt sich schon, daß die Befreiung der Frau, ihre Gleichstellung mit dem Manne, eine Unmöglichkeit ist und bleibt, solange die Frau von der gesellschaftlichen produktiven Arbeit ausgeschlossen und auf die häusliche Privatarbeit beschränkt bleibt. Die Befreiung der Frau wird erst möglich, sobald diese auf großem, gesellschaftlichem Maßstab an der Produktion sich beteiligen kann und die häusliche Arbeit sie nur noch in unbedeutendem Maß in Anspruch nimmt. Und dies ist erst möglich geworden durch die moderne große Industrie, die nicht nur Frauenarbeit auf großer Stufenleiter zuläßt, sondern förmlich nach ihr verlangt, und die auch die private Hausarbeit mehr und mehr in eine öffentliche Industrie aufzulösen strebt.

Die genannte Schrift enthält eine ganze Reihe weiterer interessanter Erkenntnisse. Hervorheben möchte ich folgende Schlußfolgerungen, da sie neben den Aussagen aus Friedrich Engels' Zusammenfassung die Unterschiede zum modernen Feminismus deutlich machen:

  • Im Laufe tausender Jahre hat sich das Patriarchat aus matrilinearen Gentilgesellschaften herausgebildet. Das Patriarchat ist also Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung, also kein biologisches Merkmal der menschlichen Rasse oder Gottes Wille.
  • Das Privateigentum an Produktionsmitteln und der Staat, der sich herausbildete, um dieses Eigentum zu schützen, und um die Klassengegensätze zu beherrschen, sind in Zusammenhang mit dem Patriarchat entstanden.
  • Vom Einfluß der Religion auf die Entstehung des Patriarchats ist hingegen keine Rede. Die vorgefundenen patriarchalischen Verhältnisse dürften wohl schon bestanden haben, als Judentum und Islam entstanden. Die gesellschaftlichen Normen jener Zeit sind dann in die Religionen eingeflossen. Nicht anzunehmen ist die von Feministen behauptete umgekehrte Wirkbeziehung, wonach das Patriarchat das Matriarchat abgelöst hätte, weil religiöse Vorstellungen das so verlangten. Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein, heißt es bei Marx. Das Patriarchat (gesellschaftliches Sein) bestimmt also die Religion (gesellschaftliches Bewußtsein) und nicht umgekehrt.
  • Auch in matrilinearen Gesellschaften gilt gesellschaftliche Rollenverteilung, die sich von der heutigen im Grunde wenig unterscheidet.
  • Freie Liebe, coole Partys, heiße Nächte, keine Polizei! Das hört sich toll an. Manche Feministen meinen ja, das wäre das Goldenes Zeitalter. In ihm lebte die Menschheit im Einklang mit der Natur vollkommen friedlich in gottgefälliger Weise. Diese Feministen nehmen Rousseaus Legende vom "Edlen Wilden" oder Indianer-Romantik zu ernst. Sie haben wohl noch nie etwas über die befremdlichen Auswirkungen des Gewohnheitsrechtes dieser Gesellschaften wie die Blutrache oder den Brautraub gehört. Mütter haben ihre Kinder über ihre Köpfe hinweg verkuppelt. Für Angehöriger fremder Stämme galt kein Recht.
  • Im Proletariat der Industriegesellschaft löst sich das Patriarchat auf. Hin und wieder gibt es zwar noch Gewalt in dessen Ehen. Aber das Patriarchat hat im Proletariat keine Zukunft, weil die ökonomische Basis des Patriarchats abhanden gekommen ist: das Vermögen des Mannes und die Abhängigkeit der Frau. Das möchten Feministen bedenken, die sich bitterlich über Einwandererkinder beklagen, und befürchten, daß die ungezügelte Männergewalt der Einwanderersöhne auf die deutsche Altbevölkerung abfärben könnte.

Marxisten wie Friedrich Engels wären keine, wenn sie nicht wüßten, daß gesellschaftliche Produkte wie das Patriarchat sich nicht mit der Zeit wandeln würden. Seine Schrift handelt von der Frühgeschichte menschlicher Gesellschaft. In der modernen Industriegesellschaft trifft man nur noch Rudimente dieses Patriarchats an, das in frühen traditionellen Gesellschaften üblich war. Seine Ehefrau zu töten oder zu züchtigen, ist nicht mehr das Recht des Mannes. Die Institution der Ehe an sich wird schon in Frage gestellt. Söhne werden nicht mehr als Stammhalter angesehen, haben also nicht höheren Wert als Töchter. Unfruchtbare und untreue Frauen werden nicht einfach so verstoßen. Frauen haben heute formal dieselben bürgerlichen Rechte wie Männer. An die Stelle alter patriarchalischer Abhängigkeit und Rechtlosigkeit treten jedoch neue Probleme. Immer mehr Kinder werden von alleinerziehenden Eltern erzogen. Alleinerziehende Mütter sind nicht mehr von Vätern abhängig. Dafür betrifft sie soziale Probleme stärker als andere Bevölkerungsgruppen. Im vorangegangenen Blogbeitrag habe ich erwähnt, daß die Verantwortung für die Kinder im wesentlichen immer noch allein bei der Mutter liegt. Auf Grund der Last dieser Verantwortung sind Frauen immer noch benachteiligt.

Der moderne Feminismus dürfte praktikable Lösungen in dieser Frage hintertreiben, da sein Anliegen darin besteht, Feindbilder zu erzeugen, und den politischen Gestaltungswillen der Bürger in unproduktive und destruktive Bahnen zu lenken.

Ergänzung: Weitere Blogger lehnen Engels' Konzeption von Patriarchat ab, und bestreiten, daß es je ein Matriarchat gegeben haben könnte. Das behauptet allerdings auch Engels nicht, zumindest, wenn man Matriarchat als Mütterherrschaft auffaßt.

Die entscheidende Rolle in Engels' Patriarchatskonzeption besteht in der ökonomischen Macht des Mannes. Diese ist auch für die patriarchalische Ehe bis in die Neuzeit belegbar, und kein rein spekulatives Konstrukt.

In feministischen Texten entstammt die Macht des Mannes hingegen einer geheimnisvollen heteronormativen Matrix. Woher die Macht des Mannes stammt, bleibt dabei vollkommen im Dunkeln.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hi georgi!

Bin gerade über Deine Kommentare bei Isi auf Deinen Blog gestoßen und finde Deinen Ansatz ganz interessant (muss mich die nächsten Tage mal genauer einlesen). Mal was anderes als das übliche Schlammcatchen zwischen Femis und Antifemis. Kennst Du eigentlich diese Feminismuskritik aus marxistischer Perspektive:
"Warum der rationelle Kern der Frauenfrage mit der Forderung nach Gleichberechtigung nicht erledigt ist" von Dr. Margaret Wirth vom "Gegenstandpunkt"? Ich erlaube mir mal, den Podcast zu verlinken:

http://doku.argudiss.de/sendfiles.php?job%5Bext%5D=mp3&job%5Bmimetype%5D=audio%2Fmpeg&job%5Bname%5D=frauenfrage_bi_1108_teil_1-6&file%5B0%5D=frauenfrage_bi_1108.mp3&file%5B1%5D=frauenfrage_bi_1108_1.mp3&file%5B2%5D=frauenfrage_bi_1108_2.mp3&file%5B3%5D=frauenfrage_bi_1108_3.mp3&file%5B4%5D=frauenfrage_bi_1108_4.mp3&file%5B5%5D=frauenfrage_bi_1108_5.mp3

Das bringt meiner Meinung nach den antimaterialistischen Fehlschluss der "Foucaultisten" ganz gut auf den Punkt.

Liebe Grüße und weiter so!

georgi hat gesagt…

Vielen Dank! Ich werde mich mit dem Link beschäftigen.

Anonym hat gesagt…

Hallo nochmal!

Freut mich, dass Du mit dem Podcast was anfangen konntest. Hab den Diskussionsstrang bei Isi noch etwas weiter verfolgt. Eigentlich sagst Du mit dem "Luxus Frauenarbeit" ja nichts anderes als Pierre Bourdieu (in "Die feinen Unterschiede"), der es für einen Fehlschluss hält, die negative Einstellung von Frauen aus den unteren Klassen zu Frauenarbeit mit einer besonders patriarchalen Prägung zu erklären. Diesen Frauen stehen halt im Gegensatz zu middle-class und Bourgeoisie nur Berufe zur Auswahl, die mit Selbstverwirklichung eben nicht viel zu tun haben (Kassiererin, Packerin statt PR-Beraterin oder Kulturmanagerin). Whatever... Eigentlich hatte ich überlegt, das bei Isi zu posten, aber ich habe keine Lust, ihr meine Mailadresse zu geben oder mich von der verkappten Sozialdemokratin im Anarchistenpelz runterbürsten zu lassen.

Best wishes!

georgi hat gesagt…

Ich habe mir inzwischen Frau Prof. Wirths Vortrag mit großem Gewinn angehört. Ich bedanke mich für Deine Empfehlung.

Starosczyk hat gesagt…

„Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewußtsein, heißt es bei Marx. Das Patriarchat (gesellschaftliches Sein) bestimmt also die Religion (gesellschaftliches Bewußtsein) und nicht umgekehrt. ..
Marxisten wie Friedrich Engels wären keine, wenn sie nicht wüßten, daß gesellschaftliche Produkte wie das Patriarchat sich nicht mit der Zeit wandeln würden.“

Ich ergänze: Patriarchale Religionen wie Judentum, Christentum oder Islam legitimieren mit ihren durch Männer verfassten Schriften dieses „gesellschaftliche Bewusstsein“ genannt Patriarchat. Solange diese Religionen nicht kritisch hinterfragt und entlarvt werden, können „wir“ uns unendlich lang über Patriarchat unterhalten.

georgi hat gesagt…

Einverstanden!

Ich hatte rhizoms Aufsatz im Sinn. Eine bestimmte Sorte Feministen behauptet ja sinngemäß, daß sich das Patriarchat mit der Verbreitung der monotheistischen Religion durchgesetzt hätte. Dann führt rhizom eine Schriftstellerin an, die behauptet, daß auch vor der Verbreitung der monotheistischen Religionen das Patriarchat bestanden haben muß. rhizom schließt dann daraus fälschlich, daß der Begriff des Patriarchats keinen Sinn ergibt, weil es in der Menschheitsgeschichte noch nie einen Zustand gegeben hätte, der nicht patriarchal strukturiert wäre.

Die monotheistischen Religionen sind sowieso anachronistisch. Es lohnte sich nicht, gegen sie zu polemisieren, wenn es nicht massenhaft Leute gäbe, die an ihnen festhalten. Das ist erstaunlich, was dieser alte Plunder anrichtet. Alle drei Religionen haben sich der Moderne anpassen müssen. Doch bescheinigen manche den Religionen noch heute einen Einfluß, der zum Einsickern vormodernen Denkens führt. Das betrifft etwa den Antisemitismus und die Zinskritik. Aber im Verhältnis der Geschlechter zueinander wird der Einfluß doch etwas übertrieben, wie ich finde.

Starosczyk hat gesagt…

„Die Lektüre von Habermas‘ Adorno-Kritik aus der „Theorie des Kommunikativen Handelns“ habe ich beiseite gelegt, es stehen noch Lesungen zu Adornos „Meditationen zur Metaphysik“ aus“ – während meines Studiums habe ich davon etwas wahrgenommen, kann allerdings nichts dazu sagen.

Auch Kirsten Armbruster gibt Hinweise darauf, dass vor den monotheistischen Religionen Patriarchat schon existiert hat: „mit dem männlichen Opfer – dem Heros – längst schon das Patriarchat Einzug gehalten hat“ (http://antjeschrupp.com/2011/05/17/die-radikal-feministische-matriarchatsbewegung-im-shitstorm/#comment-8859). Ich behaupte, dass die monotheistischen Religionen mit ihren männlich verfassten Schriften (bis heute!) Legitimations-Quelle darstellten und zwar die Legitimation des Krieges und der Zerstörung (alchemistischer Ausgangspunkt).

Zu dem Begriff „anachronistisch“ musst Du Dir unbedingt die psychotherapeutischen Praxen ansehen!

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