Mittwoch, 20. Juli 2011

Nadine

Eben erst sprach ich von dichotomischen Weltbildern, von Bürgern, die sich in den Widerstreit mit der bürgerlichen Gesellschaft stellen, der sie selbst angehören, und von der sie geschädigt werden. Da bricht der Streit um eine typische Wortmeldung der Bloggerin Nadine los. Wieder einmal beklagt sie sich über den alltäglichen Sexismus und Antifeminismus in den Massenmedien. Wie so oft bringt sie auch ihre Meinung zu den jüngsten in den Medien breit diskutierten Strafprozessen um diverse Sexualdelikte vor, bei denen Prominente verdächtigt werden. Doch diesmal tritt der bekannte Blogger Udo dazwischen. Der Rechtsstaat binde die Staatsmacht an das Recht, belehrt Udo Nadine. Er unterstellt dabei, daß Nadine den Rechtsstaat aufheben möchte, nur damit die Feministen ganz allein darüber befinden, wer sich Sexualstraftaten schuldig gemacht hat.

Davon, daß Nadine den Rechtsstaat abschaffen möchte, steht in ihrem Artikel allerdings nichts (bitte nachlesen!). Nur die abwertende Bezeichnung Rotz für Rechtsstaatlichkeit deutet darauf hin, daß Nadine nicht viel vom Rechtsstaatsprinzip hält. Richtig schräg ist auch Nadines Bemerkung, daß dieser "Rotz" von mächtigen weißen Männern erfunden worden sei, um ihren Besitzstand zu wahren. Das delegitimiert die Idee des Rechtsstaates. Dadurch, daß Nadine eine unehrenhafte Begründung für das Rechtsstaatlichkeitsprinzip unterstellt, nämlich ungerechtfertigte Privilegien, d.h. "Besitzstände", verteidigen zu wollen, bestreitet man unausgesprochen die höchst ehrenwerte Begründung, den Bürger vor der Willkür des Staates beschützen zu wollen. Aber das kann an Nadines Unbedachtsamkeit liegen. Eine Forderung, den Rechtsstaat abschaffen zu wollen, bedeutet das nicht. Denn auch, wenn ich sagen würde, die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann sei eine von weißen, privilegierten Frauen erfundene Idee (stimmt das?), um ihnen Besitzstände zukommen zu lassen, dann hieße das nicht, daß ich diese Gleichberechtigung gern abgeschafft sehen möchte. Eigentlich beklagt sich Nadine nur über den Mißbrauch des Rechtsstaates.

Wie kommt Udo nur darauf, daß Nadine das Rechtsstaatsprinzip abschaffen möchte? Na, das ergibt sich doch aus dem Kontext, der stillen Übereinkunft zwischen Autor und Leser! Udo weiß nämlich, daß eine Sache nämlich von Feministen schon deshalb für schlecht befunden wird, wenn sie von Männern erfunden wurde. Außerdem weiß Udo, daß Feministen Menschen schon deshalb für mächtig und privilegiert halten, wenn sie weiß, heterosexuell und männlich sind. Das ist die heteronormative Matrix der Frau Butler, einer Heiligen des Feminismus, der man nicht widersprechen darf. Und weil weiße, männliche Heterosexuelle über so sagenhaft viel Macht verfügten, erfänden sie hehre Prinzipien zu dem einzigen Zweck, um ihre Besitzstände zu wahren. Ist doch logisch! Das ist doch die naheliegendste Begründung, die Benachteiligung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft zu erklären! Da Feministen immerhin noch wissen, daß die bürgerliche Gesellschaft den Frauen Probleme bereitet, der heilige poststrukturalistische Obskurantismus die Feministen aber davon abhält, die Mechanismen ebendieser bürgerlichen Gesellschaft verstehen zu wollen, greift man lieber das an, was in ebendieser bürgerlichen Gesellschaft als hoch und heilig, und als deren geistig-moralisches Fundament gilt, also Aufklärung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte. Nadine weigert sich allein aufgrund dieses poststrukturalistischen Obskurantismus anzuerkennen, daß es gesellschaftliche Verhältnisse sind, die Ungleichheit bewirken, die rein objektiver materieller Natur sind und kein bloßes sprachliches Konstrukt darstellen. Nadines Polemik gegen Tove Soiland (hier ca. einstündiger, durchaus interessanter Vortrag zum Thema von ihr) belegt das. Wenn man aber von objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen nichts wissen will, und sie immerzu nur dekonstruiert, bleibt nur noch die persönliche Verantwortung der Bürger, d.h. gewöhnliche stinkigte Moral als Erklärungsansatz, um die Ungerechtigkeiten dieser Welt zu erklären. Wer aber ausschließlich moralisch urteilt, sucht Schuldige. An beklagenswerten Zuständen muß irgendjemand schuld sein. So geht Moral. Vor diesem Hintergrund bedeutet die heteronormative Matrix eine pauschale Schuldzuweisung an weiße, heterosexuelle Männer. Verbindet sich dieser Glaube dann auch noch mit älteren feministischen Ansätzen, dann wird daraus leicht fanatische Männerfeindlichkeit. Christian stellt hier eine Form von Verblendung vor, die wohl von Susan Brownmiller angerichtet worden sein könnte.
2. Vergewaltigung als Machtinstrument

Die zweite Auffassung folgt poststrukturalistischen Ansätzen und ordnet die Vergewaltigung in einen Machtkampf zwischen den Gruppen Mann und Frau ein. Dabei ist die Vergewaltigung ein Mittel der Gruppe Mann um Macht über die Gruppe Frau zu erlangen. Dazu errichtet sie eine Kultur, aus der heraus der Einsatz dieser Machtmittel wahrscheinlicher erfolgt, eben indem die Sexualität der Gruppe Frau eingeschränkt wird und die Frau innerhalb dieser Machtgruppe als ein Objekt der sexuellen Befriedigung dargestellt wird. Aus diesen Sichtweisen heraus begeht der Täter dann die Vergewaltigung und setzt damit gleichzeitig genau das um, was die Gruppe Mann (oder deren Anführer im Sinne einer hegemonialen Männlichkeit) benötigt um sein Machtmittel aufrechtzuerhalten.

Der effektivste Weg zur Reduzierung oder gar Beseitigung von Vergewaltigungen ist damit eine gesellschaftliche Beeinflussung, die sich gegen die damit verbundenen Machtstrukturen richtet, also gegen hegemoniale Männlichkeit bzw. das Patriarchat oder die Phallokratie. Dazu ist es erforderlich das Machtmittel zu erkennen und als solches unwirksam zu machen. Dazu gehört dann eben auch, dass eine Vergewaltigung stets geandet wird, aber auch eine Umerziehung der potentiellen Täter, nämlich der Männer, indem sie Lernen die Strukturen, die die Vergewaltigungskultur bilden, effektiv und gerade auch bei sich selbst zu bekämpfen. Da die Vergewaltigung ein Machtmittel ist erscheint auch zugleich jede Maßnahme, die eine Nichtbestraftung eines Täters zur Folge hat, als weiteres Machtmittel zur Absicherung des anderen Machtmittels. Wenn das Rechtsstaatsprinzip also die Verurteilung von Vergewaltigern erschwert, dann muss er Teil des Machtapparats, also der Vergewaltigungskultur sein. Die Aufhebung dieses Prinzips für die Vergewaltigung verhindert in diesem Kontext andere Vergewaltigungen, weil es die Vergewaltigungskultur selbst bekämpft, die auf den Säulen „Erleichterung der Vergewaltigung durch Schaffen eines entsprechenden Klimas“ und „Nichtbestrafung der Vergewaltigung“ besteht. Im Rahmen der Gruppeninteressen der Frau kann das eh zu unrecht eingesetzte Machtmittel „Vergewaltigung“ eben nur durch eine Lockerung des Rechtsstaats bekämpft werden und das dabei einzelne Falschbeschuldiger auf der Strecke bleiben ist irrelevant, weil die andere Seite bei Einsatz des Machtmittels „Vergewaltigung“ auch keine Rücksicht auf die Opfer nimmt.

Hinweise gegenüber dem Opfer, doch bitte vorsichtig zu sein, sind vergleichbar damit, jemanden, dessen Kopf man regelmäßig unter Wasser drückt den guten Hinweis zu geben, doch bitte zu lernen länger die Luft anzuhalten.
Das nenne ich Bürgerkrieg. Hier wird der Mann zum Volksfeind, den es unschädlich zu machen gilt. Schön zu wissen, daß das Rechtsstaatlichkeitsprinzip als verbindlicher unumstößlicher Anspruch an die Rechtsspechung anerkannt ist!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"Hier wird der Mann zum Volksfeind, den es zu vernichten gilt."


das ist aber ein ziemlicher sprung. wie kommst du bitte darauf?

Lucia hat gesagt…

Wie können denn, bitte schön, objektive gesellschaftliche Verhältnisse durch Subjektive entstehen? Außerdem scheinst du vergessen zu haben, dass das Privileg "weiß" von den feudalistischen Imperialisten nach und nach dem Rest der Welt aufgezwungen wurde. Und heutzutage macht das der neoliberale Imperialismus wieder, auch Globalisierung genannt. Und so ganz nebenbei wird dabei auch die heterosexuelle Matrix aufrechterhalten, die keine Erfindung von Frau Butler ist.

Wenn man allerdings nur das sehen will, was einem in den Kram passt, ja dann wird dein Zeugs hier verständlich, aber auch nur wenn.

georgi hat gesagt…

Nun ja, lieber Anonymus. Ich weiß nicht, wie es Dir geht, wenn Du das hier liest: "... und das [daß; georgi] dabei einzelne Falschbeschuldiger [Falschbeschuldigte; georgi] auf der Strecke bleiben ist irrelevant, weil die andere Seite bei Einsatz des Machtmittels „Vergewaltigung“ auch keine Rücksicht auf die Opfer nimmt."

Das klingt doch wie Kriegsrecht in einem Krieg zwischen Frauen und Männern. Mit Penissen bewaffnete Männer fallen vergewaltigend über die armen Frauen her. Diese wilden Tiere müssen nun mit allen Mitteln zurückgeschlagen werden und in Käfige gesperrt werden. Zivile Opfer sind dabei unvermeidlich. Rücksicht auf rechtstaatliche Prinzipien kann nicht genommen werden. Deshalb gilt Kriegsrecht.

georgi hat gesagt…

Noch einmal zu Anonymus:

Ich habe die Stelle ein bißchen umformuliert. "Vernichten" klingt etwa wie "abmurksen". Das wollte ich aber nicht gesagt haben.

georgi hat gesagt…

Hallo Lucia!

Der hier erwähnte Vortrag von Tove Soiland ist hier interessant. Besonders nach Minute 55 (oder so) wird es spannend.

Wie objektive aus subjektiven Verhältnissen entspringen, mußt Du dafür zuständige Obskurantisten fragen. Der feudalistische, richtiger der frühkapitalistische, Imperialismus hat nicht die weiße Identität überall in der Welt den zurückgebliebenen Völkern aufgezwungen, sondern die Welt kolonialisiert, also erobert, wirtschaftlich ausgeplündert, versklavt und damit, wie es euphemistisch heißt, kultiviert. Globalisierung ist ein anderer Fall. Aber auch heute treiben sich Soldaten der europäischen Zivilisation auf der ganzen Welt herum. Was hat hier die heterosexuelle Matrix zu suchen?

Christian hat gesagt…

@georgi

"und dass dabei einzelne Falschbeschuldigte auf der Strecke bleiben ist irrelevant, weil die andere Seite bei Einsatz des Machtmittels „Vergewaltigung“ auch keine Rücksicht auf die Opfer nimmt."

So verstehe ich jedenfalls die Theorie dahinter, ob ich sie richtig wiedergegeben habe wäre dann eine andere Frage. Aber nur so ist es eigentlich zu erklären, dass dann meist darauf verwiesen wird, dass die Zahlen der Falschbeschuldigten ja eh gering sind, woraufhin dann die 3% oder ähnliches aufgeführt werden.

P.S: Habe ich mal bei mir verlinkt

Anonym hat gesagt…

@ Georgi @ Christian

Vermutlich ist wer die Metapher vom FEMINISMUS DER DUMMEN WEIBER ausmünzte beides zugleich: ein WEISSER MANN. Und ein WEISER MANN.

Ähnlich argumentiert seit Jahren gegen jeden kapitalistisch-marktbestimmten "Feminismus" die Milan-Soziologin Chiara Saraceno. Sie kritisert das „herausragende Gewicht, das der Erwerbsarbeit als einziger, wertvollster oder wichtigster sozialer Aktivität zugemessen wird“ und damit die grundfalsch "Feminismus" genannte rechtssozialdemokratische Falle kapitalistischer Marklogik.

Auch Frau Dr. Saraceno ist beides zugleich: KEIN WEISSER MANN. Sondern eine WEISE FRAU.

Gruß H.

georgi hat gesagt…

Von Antisemitismus war hier schon die Rede. August Bebel nannte Antisemitismus den Sozialismus der dummen Kerle. Jetzt gibt es also auch schon Feminismus der dummen Weiber. Aha!

Leider enthalten das ML-Werke-Archiv die Schriften Saracenos nicht. Daß Erwerbsarbeit ein herausragendes Gewicht zugemessen wird, ist so im Kapitalismus, und leider nur über den Weg der Abschaffung desselben zu ändern.

Anonym hat gesagt…

1) ML ... was soll dann das (gewesen) sein?

2) „Das herausragende Gewicht, das der Erwerbsarbeit als einziger, wertvollster oder wichtigster sozialer Aktivität zugemessen wird, birgt das Risiko, dass die Notwendigkeit und der Wert von Betreuungsarbeit, ob bezahlt oder unbezahlt, verdeckt bleibt. Care als sinnvolle und beziehungsfördernde, identitätsstiftende Aktivität droht sowohl aus den Debatten über die Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen wie auch aus den Diskussionen über Investitionen in die frühkindliche Entwicklung herauszufallen." (Chiara Saraceno: „Care" leisten und „Care" erhalten zwischen Individualisierung und Refamilialisierung (Berliner Journal für Soziologie, 2008, 244-256, 251. Mehr hier: http://it.wikipedia.org/wiki/Chiara_Saraceno)

3) Aha - "Abschaffung des Kapitalismus" gilt hier als "leider" ... nix Deutsch, nix Denken oder nix Denken und nix Deutsch? oder noch´n "links" getarnter Rechtsblog?

4) Gratisnachhilfe war gestern ... strengsesich doch mal selbst an,

Gruß H.

georgi hat gesagt…

1) Aha, einer aus dem Westen! ML = "Marxismus-Leninismus" = offizielle Staatsdoktrin des untergegangenen Ostblocks. Das hat man dem Staatsvolk in unzähligen Schulstunden und Parteilehrgängen dem Staatsvolk versucht nahezubringen.

2) Klar fällt "Care" heraus aus der Debatte. Das ist doch Absicht. Auch wenn "Care"-Arbeit kostenlos erbracht wird, so kostet "Care" doch. Daran möchte niemand erinnert werden. Sonst heißt es ja, wenn die Rede wieder von "Eigenverantwortung" geht, "Liebe Regierung! Macht Euch doch Eure Kinder selbst"!

3) "leider" paßt schon. Proletarische Revolutionen sind wie alle gewaltsamen Umstürze tragisch.

4) Wenn so ein Blog Gratisnachhilfe bietet, dann hat er wenigstens einen Sinn.

Anonym hat gesagt…

Sehe ich das richtig: Mann setzt Vergewaltigung ein um Frau zu unterdrücken? Wie können 40.000.000 Männer mit 'nur' ca. 7500 Vergewaltigungen pro Jahr 40.000.000 Frauen unterdrücken? Da wird das Mittel 'Jemanden mit dem Auto anfahren' häufiger verwendet.
Da der Rechtsstaat den Vergewaltiger schützt ist er ein Teil der Vergewaltigungkultur und soll gelockert werden? Die Dunkelheit schützt auch den Vergewaltiger und ist ein Teil der Vergewaltigungkultur. Deshalb muss die Nach aufgehellt werden.
Und mit dem Beitrag bin ich jetzt auch ein Teil der Vergewaltigungkultur.

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